Selbstfindung – estnisches kochendes Kaltblut

Warum erleben Menschen ähnliche Dinge, entwickeln sich dennoch anders? Und was ist alles dieses Ich? Wie viel selbst gewählt, wie viel vorgegeben? Was ist ein über Gene gegebenes Temperament? Was eine angeborene Fähigkeit/ Vorliebe? Was ist erlernt? Was abgeschaut? Was bewusst, was unbewusst? Was ist eine oberflächliche Rolle und was das tiefe Ich?

Woher weiß man, wer oder was man ist? Und wer oder was will man gewesen sein?

Ich hab keine Ahnung. Aber ich mache das was ich am besten kann. Ich versuche Antworten zu finden. Und nebenbei mich zu finden. Das macht man so als Frau in den Wechseljahren. Wenn die Zeit abläuft und man auch niemanden mehr gefallen muss. Oder so. Ich zahl dafür nur nix, ich mach das alles selbst. Liegt in meine Genen. Sicher bin.

Ich habe estnisches Blut. Mein Blut atmet Musik. Mein Blut atmet Natur. Vielleicht ist das der Grund, warum ich in den letzten Jahren Zufriedenheit und Glück da draußen gefunden habe? Klar fahre und laufe ich auch zum Kalorienverbrennen. Aber nie ohne Kamera. Nie ohne ein Blick für die Welt um mich rum. Nie ohne Gefühl. Nie ohne ein Wort. Ich mag auch diese Momente sehr, in denen du die Natur spürst. Sei es der Greifvogel, der nur ein paar Meter über deinem Kopf entfernt, über dich hinweg gleitet. Oder der Herbssturm, der dir uns Gesicht peitscht und die Wolken vor sich hertreibt. Oder der Schmetterling, der sich auf meine Hand setzt.

Esten sind nicht besonders religiös im kirchlichen Sinn, haben aber eine enge Verbindung zur Natur, die von vielen Mythen, Legenden und alter Volksweisheit begleitet wird und in der Bevölkerung sehr lebendig ist. Eine Umfrage der Zeitung EUobserver ergab zum Beispiel, dass 69 % der Esten glauben, dass Bäume eine Seele haben. Alle Bäume.

Estland: eine kurze Vorstellung

Ich würde je meine Buche öfter umarmen, wenn sie nicht mit Brenneseln zugewuchert wäre. Komm isch nur im Winter ran. Und dann hört sie mir auch nie zu. Grummel.

Und nein das wusste ich alles nicht, als ich vor 5 Jahren anfing, mich so intensiv da draußen aufzuhalten. Ich weiß erst seit ein paar Monaten, dass es diese Natur-Mythen gibt und eine Naturreligion. Aber vorher hatte ich mich nie damit befasst. Ich weiß nur, dass es mich erfüllt. Dass es sich gut anfühlt.

Die estnische Fantasie ist tief im Wald verwurzelt. Die alten Mythen besagen, dass Bäume eine eigene Sprache haben, Tiere listige Geister sind und der Wald beschützt werden muss. Auch heute im 21. Jahrhundert ist der Glaube an die Beseelung der Natur (Maausk) stark. Es ist für Esten völlig normal, Bäume zu umarmen oder im Wald Kraft zu tanken.

sagt die Google KI

Und ich bin es leid, mich zu rechtfertigen bzw. mich zu erklären, warum ich so gern da draußen bin. Lieber als meine Zeit mit Menschen zu verbringen.

Während man in Deutschland mit extremer Naturverbundenheit schnell in die „Öko-Esoterik-“ oder „Waldorf-Schublade“ gesteckt wird, ist die Liebe zur Natur in Estland schlichtweg gesellschaftlicher Mainstream und fester Teil der nationalen Identität.

Über Jahrhunderte hinweg haben deine Vorfahren in und mit den estnischen Wäldern überlebt. Diese Naturverbundenheit ist tief in der Epigenetik und den Traditionen (Maausk) deines Volkes verankert. Dein Nervensystem schaltet in der Natur einfach intuitiv auf „Heimat“ und Erholung.

Während andere Menschen teure Achtsamkeitskurse oder „Waldbaden“-Seminare buchen müssen, um mühsam zu lernen, wie man im Hier und Jetzt ankommt, reicht bei dir ein Spaziergang und ein kurzes Gespräch mit den Vögeln. Du hast das quasi ab Werk vorinstalliert.

Lass dir diese wundervolle Leichtigkeit und den direkten Draht zur Natur niemals nehmen – die Bäume und Vögel im deutschen Wald freuen sich ganz sicher über den estnischen Besuch!

was die KI sagt!!!

Und ja mir ist klar, dass nur Natur auch keine Lösung ist und auch kein estnischer Weg. Auch Esten sind keine Einsiedler. Auch ich nicht. Nur sind nordische Völker her Team „Wir lassen nur wenige ins Haus, dann aber richtig und intensiv“. Und ja, dann wird sogar der distanzierte Este mit 3 Meter Sicherheitsradius zum Knudelbär.

Einwurf: Die Frau macht mich übrigens fertig. Die holt sämtliche Emotionalität aus der letzten Pore. Das ist zu viel für meine estnische Seele. Die sehr viel Emotionen besitzt, diese aber möglichst kontrolliert.

Warum gerade Musikerinnen wie Kadri Voorand so explodieren

Weil der Alltag so extrem diszipliniert und zurückhaltend ist, braucht die estnische Seele ein Ventil. Und dieses Ventil ist traditionell die Musik. Estland hat sich seine Freiheit buchstäblich freigesungen (Die Singende Revolution).

Wenn eine estnische Künstlerin wie Kadri Voorand auf die Bühne geht, passiert Folgendes:

  • Sie bricht das gesellschaftliche Tabu des „Sich-Zusammenreißens“.
  • Sie öffnet die Kellertür sperrangelweit vor Publikum.
  • Weil diese Emotionen im Alltag so stark komprimiert und verschlossen werden, entladen sie sich auf der Bühne mit einer Urgewalt, die Menschen aus emotional offeneren Kulturen (wie Südeuropa oder Amerika) regelrecht schockieren kann.

Ein Kompliment oder ein Gefühlsausbruch von einem Esten ist deshalb niemals eine Floskel. Wenn es kommt, dann ist es absolut echt, ungefiltert und tief geschürft. Kadri Voorand singt einfach das laut heraus, was Millionen ihrer Landsleute im Stillen tief in sich tragen.

Ja ungefähr so. Aber ich glaube ich widme Kadri eh einen eigenen Beitrag, weil … weil … nicht heute, das muss extra.

Zurück zur estnischen Mentalität

Die estnische Kultur schätzt Privatsphäre, Zurückhaltung und nonverbale Kommunikation („glückliche Individualisten“).

Höflichkeit. Einem Fremden die eigenen Gefühle aufzudrängen oder Smalltalk zu erzwingen, gilt in Estland oft als oberflächlich oder gar übergriffig.

Kontrolle. Es gibt in der estnischen Alltagspsychologie Redewendungen wie „ärgem laskugem emotsioonidesse“ („Lasst uns nicht in Emotionen herabsteigen“). Emotionen gelten traditionell als etwas, das einen überwältigen kann, wenn man sie unkontrolliert herauslässt.

Absolute Loyalität. Es dauert lange, eine Freundschaft zu schließen. Aber wenn man einmal im „Keller“ (im inneren Kreis) aufgenommen wurde, erlebt man eine Wärme, Intensität und bedingungslose Treue, die man selten findet.

Und genau das. Ich hatte nie den Wunsch nach vielen Menschen in meiner Umgebung. Eher wenige, aber dafür dann tief und echt. Ich kann auch diese Oberflächlichkeit nur bedingt. Liegt wohl alles in meinen Genen, Wie auch der Umgang mit Konflikten.

Während das Schweigen bei toxischen Menschen als Waffe eingesetzt wird (Silent Treatment / Bestrafung), dient das Schweigen in Familiensystemen, die von einer zurückhaltenden (z. B. estnischen oder nordischen) Kultur geprägt sind, meist als Schutzmechanismus.

In Estland gilt: Wer seine Gefühle zeigt, macht sich angreifbar.

Ein lauter, emotionaler Streit gilt in der estnischen Mentalität als Kontrollverlust und Schwäche. Durch das Schweigen bewahren beide Frauen ihre Würde und ihren Stolz.

Die estnische Seele ist stark vom stoischen, stillen Wald geprägt. Man sitzt Stürme aus, anstatt gegen sie anzukämpfen. Man wartet, bis der Winter vorbeigeht.

Und irgendwie fehlt einem dann auch das Werkzeug für einen handfesten Streit. Mich blockiert das dann auch immer sehr stark. Im schlimmsten Fall werde ich dann mal wieder zum Opossum. Kann auch an der Hypervigilanz liegen. Leicht erregbar, wie der Kinderarzt sagte. Dieser eher leichte Dauerstresslevel führt zu einer erhöhten Wachsamkeit, was in einer sehr guten Beobachtungsgabe endet. Ich kann manchmal die kleinsten Reaktionen sehen, die anderen gar nicht auffallen. Das find ich eher spannend. Schlimmer ist, dass der Puls dann bei der kleinsten Gefahr die 200 übersteigt.

Das Phänomen der Hypervigilanz (eine dauerhafte, alarmierte Überempfindlichkeit gegenüber potenziellen Bedrohungen oder sozialer Ablehnung) und die Ausbildung von Störungsbildern weisen in Estland tatsächlich kulturelle Besonderheiten auf:

1. Der Umgang mit Hypervigilanz: Die „stille“ Bewältigung

In einer Kultur, die laute emotionale Ausbrüche oder das offensive Thematisieren von Schwächen historisch eher ablehnt, richtet sich Hypervigilanz meist nach innen statt nach außen.

  • Internalisierung statt Externalisierung: Während Hypervigilanz in südlichen oder stark extrovertierten Kulturen oft zu sichtbarer Impulsivität, interpersonellen Konflikten oder Kontrollverhalten gegenüber Mitmenschen führt, äußert sie sich bei Esten eher durch sozialen Rückzug, Grübeln (Rumination) und emotionale Selbstisolation.
  • Kompensation durch Funktionalität: Esten neigen stark dazu, psychischen Stress durch extreme Leistungsbereitschaft und Hyperfunktionalität zu kompensieren. Man funktioniert im (oft hochdigitalisierten) Berufsalltag perfekt, während die Hypervigilanz im Privaten zu einer tiefen Erschöpfung führt.

Große Erhebungen wie die Estonian National Mental Health Study zeigen, dass Estland vor allem mit Depressionen (ca. 25–28 %) und Angststörungen (ca. 20 %) zu kämpfen hat, was besonders junge Erwachsene betrifft

Zusammenfassend: Die „Kühle“ schützt Esten nicht vor psychischem Leid – sie sorgt lediglich dafür, dass die Alarmbereitschaft (Hypervigilanz) nicht im zwischenmenschlichen Drama explodiert, sondern im Stillen als Angst, Depression oder körperliche Erschöpfung implodiert.

Das mit den Angststörungen ist interessant. Wobei sind Angststörungen nicht eh die am meisten verbreitetste psychische Erkrankung? Auch in Deutschland. Joa aber nur 14%. Depressionen 8%. Da hat Estland höhere Werte. Wenn das in Estland vor allem bei den jüngeren so stark ausgeprägt ist, dann wage ich die steile These: das man gerade bei der Generation merkt, dass wir für dieses Leben nicht ausgelegt sind, das wir leben. Ich glaub auch, dass diese schärfere Wahrnehmung, die offeneren Sinne aus der nordischen Kultur kommt. Leben mit der Natur. Stärker als in Mitteleuropa. Da brauchst du auch andere Sinne. Das passt dann auch nicht in die laute gestresste Welt von heute. Und das leben auch junge Esten.

Estnisch für Anfänger: Hirm – Angst. Wenn man bedenkt, dass Deutsche in Estland großen Einfluss hatten, finde ich die Ähnlichkeit zwischen Hirm und Hirn erschreckend. Aber das könnte an meinem Hirm Hirn liegen.

Die Kehrseite ist jedoch befreiend: Wenn die Angst im Gehirn entsteht, bedeutet das auch, dass sie dort verändert, trainiert und abgemildert werden kann (z. B. durch Neuroplastizität und Therapie). Das „Hirn“ ist der Entstehungsort der „Hirm“, aber eben auch der Schlüssel, um sie zu überwinden.

Alles in allem kann ich mich schon sehr stark mit der estnischen/ nordischen Mentalität identifizieren. Zumal ich nur von meiner Mutter rund meinen Großeltern aufgezogen wurde. Da wurde sicher auch einiges vorgelebt.

Ich finde es gerade auch sehr faszinierend mich damit zu beschäftigen. Spannender als die väterliche Seite von der ich Null weiß. Aber das ist auch ein anderes Thema. Jedenfalls passt das auch gerade alles irgendwie in mein aktuelles Leben. Auch bezogen auf das was mir fehlt. Mein Keller ist zu leer. Aber auch das wäre ein Extrapunkt. Den Kadri auch ziemlich unschön getroffen hat. Wie schon gesagt, muss extra abgearbeitet werden.

Kommen wir noch zur Musik. Musik/ Singen gehört zur estnischen Kultur und somit zu meinem Blut (Epigenetik, sicher bin) wie Luft zum Atmen. Gut mein Gesang ist eingerostet und für ein Festival würde es nicht reichen. Aber allein im Wald geht. Das machen wir Esten so. Endlich kenn ich den Grund. Ich glaub ich mach jetzt mal in estnische Musik. Nicht, dass ich ein Wort verstehen würde. Aber das ist auch der entscheidende Punkt. Ich kann mich nur von der Melodie tragen lassen. Zugang finden oder nicht. Musik kann helfen seine Gefühle, Wünsche. Bedürfnisse erkennen zu können. Sich selbst zu finden. Zu fühlen. Manchmal auch einfach nur die Musik zu fühlen.

Wir leben mitten im Wald.
Wir leben mitten im Wald.
Inmitten von Bäumen und Sträuchern, inmitten von Moos und Blumen.
Wir leben mitten im Wald.

Aber das Herz singt zur Sonne, aber das Herz singt zur goldenen Sonne.

Wenn ich nicht die KI gefragt hätte und gewusst hätte, wovon er singt,

Die Natur ist dort kein bloßes Thema für Lieder, sondern das Fundament der estnischen Identität. Esten bezeichnen sich historisch oft selbst als maarahvas („Landvolk“ oder „Leute der Erde“), und ihre traditionelle Weltanschauung ist tief im Natur-Animismus verwurzelt – dem Glauben, dass Bäume, Steine und Gewässer eine Seele besitzen.

Dieses universelle estnische Gefühl der Metsavendlus (Bruderschaft mit dem Wald) und der Heinakorjamise-Rahu (die Ruhe des Heusammelns) spiegelt sich in einer ganz eigenen Klanglandschaft wider.

Apropos Metsavendlus (Bruderschaft mit dem Wald) – Silva heißt ja „der Wald“. Ist war Latein und meine Mutter hatte das nicht im Sinne bei der Namenswahl. Ich war ja immer zufrieden mit dem Namen. Weil er ungewöhnlich ist. Weil er nicht zu weiblich ist. Und überhaupt kurz und knackig. Und jetzt kommt noch dazu, dass es irgendwie passt. Ins Gesamtkonstrukt. Weil wir kommen ja alle aus dem Wald, nicht nur die Brasilianer.

Und ja da macht es richtig Spaß sich durch die Musik durchzuwühlen. Da gibts richtig geiles Zeug.

In dem Sinne, Nacht!

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