Bürotage sind ja mittlerweile Horror. Nicht wegen der Zeit im Büro, aber wegen An- und Abreise. Keine Ahnung, wie ich früher jeden Tag die Bahn nehmen konnte und halbwegs pünktlich ankam. Abgesehen von der üblichen Verspätung, war natürlich der Zug abends verkürzt und somit überfüllt. So weit so nervig. Ich steh mal wieder im Gang rum und neben mir ein Herr mit Bier. Der roch nicht nur wie ne ganze Kneipe, er war ungesund aufgelegt.
Mein Knie ist übrigens Blau. Aber das nur am Rande.
Jedenfalls sagt die junge Schaffnerin durch, dass sie die 1. Klasse freigegeben hat. Dass Fahrräder bitte ins Fahrradabteil sollen und Taschen bitte von den Sitzplätzen genommen werden sollen, damit sich wer hinsetzen kann. Der Herr eben mir schwankt und sabbelt lautstark rumm, dass sie die Klappe halten soll und lieber abfahren soll und nicht die Abfahrt noch weiter verzögern. Der Herr mittleren Alters neben uns, ist der Meinung er sucht sich lieber ein anderes Plätzchen, Anschließend wird ihm dann unschönes Zeug hinterhergerufen. Ich frage mich derweil ich ich heute auf mein Bier verzichten kann und eh gut angeheitert daheim ankomme. Allein wegen dem Alkoholgehalt der Luft. Jetzt wird eine Alice Weidel Rede laut über das Handy angehört. Ich überlege, ob ich meine Kopfhörer rausholen solle, aber ich verwerfe den Plan, weil ja, man ahnt was er dann kommentieren würde.
Ich züchte jetzt übrigens Pilze. Auf meinem linken Unterarm. Ja ich habe einen Lauf. Aber das nur am Rande.
Die Bierdose wird gelehrt und dem migrantischen Mitreisende überreicht. Der zuerst noch denkt es wäre noch was drin, aber sie dann verstaut. 25 Cent haben oder nicht haben.
Es steigen noch ein paar Leute ein. Unter einem anderen auch ein junger man mit E-Roller. Der wird jetzt richtig angemotzt, weil der E-Roller natürlich Platz braucht. Der lässt sich das aber nicht einfach gefallen und baut ich vor ihm auf und die beiden hauen sich ein paar Sprüche um die Ohren. Aber man merkt recht schnell, dass der Tonfall des Bieres nicht lauter wird. Es ist zwar immer noch ein pöbeln und motzen und vor sich hinbrubbeln. Aber es klingt nicht danach, dass gleich zugeschlagen wird. Ich biete dem jungen man meinen Platz in der Ecke an, da kann er den E-Roller besser verstauen und steht nicht im Weg, und setze mich auf die Treppe. Der migrantische Dosensammler setzt sich hinter mich. Der junge Mann redet noch was von Alkoholverbot. Ich will ihn kurz fragen, ob da schon in Kraft ist, aber lass das dann.
Auf die verbale Auseinandersetzung wird das nächste Bier geöffnet und quasi in einem Zuge geleert. Alice wieder angeworfen. Ahpuh. Und noch ein paar unschöne Dinge gesagt. Worauf hin der junge man wieder sehr bestimmt sagt, er solle aufpassen, wie er mit ihm redet. Er rede ja nicht mit ihm, sondern mich sich selbst. Nunja, ja. Wer kennt das nicht, dass man in der Abwesenheit eines anderen ihm imaginär die Meinung sagt. Weils einen innerlich so aufwühlt. Aber er ist nun mal nicht abwesend, sondern steht nen Meter nebendran. Die junge Schaffnerin läuft durch, bleibt kurz stehen, dreht sich um, schaut, geht dann aber weiter. Ja es riecht wie in einer Kneipe. Aber ja geh weiter. Bitte kein Polizeieinsatz. Ich will nach Hause.
Und jetzt wirds lustig. Wir sind bei Bier Nummer drei. Im Zug. Wie viel davor schon waren, keine Ahnung, aber wie schon gesagt, er roch beim Einstieg schon nach Kneipe. Innerlich aufgewühlt, räumt er seine Taschen aus. Dabei wird der Deckel des Mülleimers bewusst geknallt. Unschön, sehr unschön. Aber wir bleiben ruhig. Da das mit der Koordination nicht mehr so klappt, fällt einiges runter. Das Bier wird in der Hosentasche versaut. So man stelle sich das bildlich vor. Bier in der Hosentasche und jetzt wird sich gebückt. So kopfüber. Und ja genau, Bier Nummer drei ist jetzt auch alle. Bis auf den Boden wird zum Glück niemand nass. Aber jetzt passiert das schräge, es wird sich beim jungen Mann entschuldigt in einem freundlichen reumütigen Ton. Dem aber auch irgendwie klar ist, dass er jetzt nicht rumschimpfen muss. Weil ne wahr keine Absicht, der is einfach nur hacke voll.
Apropos habe mir eh gedacht ne körperliche Auseinandersetzung verlierste. Auch wen sie körperlich ähnlich gebaut waren. Wobei Jugend gegen Alter. Aber davon ganz ab, bei dem Blutalkohol hätte gereicht, wenn der gepustet hätte und zack, wäre er zu Boden gegangen. Aber das nur am Rande.
Und wo man grad schon mal dabei ist, sich zu entschuldigen. Da entschuldigen wir uns auch für vorhin. War nicht so gemeint. Und eigentlich findet er ihn ganz sympathisch. Aber nicht so homosexuell. Gut, wenn ich nicht eh schon am Boden sitzen würde, würde ich jetzt am Boden liegen. Ich muss grinsen. Und der junge Mann auch. Und dann holt er aus und erzählt irgendwelche Stories. Schlechter Tag oder so. Und früh aufgestanden. Und eigentlich ist er gar nicht so. Und seine Alte ist 60 schaut aber aus wie 80. Und hatte 3 Herzinfarkte. Und da läuft nix mehr. Ich lass das jetzt einfach mal so stehen. Und es wirds sich noch 10 Mal entschuldigt.
Mein Lieblingssatz war: Manchmal ist meine Klappe größer als ich selbst.
Ich mein, ich hab die beiden schon rauffend auf dem Boden gesehen. Aber ne, das wollte er dann doch nicht. Als der junge Mann sich vor ihm aufgebaut hat und ihm klar gemacht hat, dass er so nicht mit sich umgehen lassen wird und dem Konflikt nicht aus dem Weg geht, da wurde er dann kleinlaut. Da kam nicht mehr viel. Und vor allem kein Versuch, das wirklich auszutragen.
Alles in allem irgendwie ne spannende Beobachtung menschlichen Verhaltens, Auf vielen Ebenen. Ich bin überfordert. Stelle aber auch die These auf, dass der junge Herr in seinem Leben schon den ein oder anderen Konflikt ausgetragen hat. Der Druchschnittstyp von heute geht solchen Situationen aus dem Weg. Aber … dazu später.
Das Bier steigt jetzt aus. Verabschiedet sich noch lieb. Ist aber so blau/ durch den Wind, dass er schon während der Fahrt den Türknopf drück. Der junge Mann muss reden und ruft seine Freundin/ Frau an. Kann leider nix verstehen, weil is eine mir unbekannte Sprache. Ich sehe nur auf dem Handy eine junge Frau mit Kopftuch. Rein optisch und auch von der Aussprache hätte ich ihn als Biodeutschen eingeschätzt. Aber is er scheinbar nicht. Und ich glaube da machst du dann ne andere Sozialisation durch und wenn du nicht untergehen willst, muss du lernen dich zur Wehr zu setzen bzw, dich durchzusetzen.
Ich gebs zu, ab und an hatte ich den Drang mich zwischen ihre Wortgefechte zu scheißen. Aber nicht das Gefühl mit beschwichtigende Worten was erreichen zu können. Außer selbst reinzugehen und neues Futter zu gehen. Also lieber Klappe halten.
Mein Knie hat spannende Farben.
Nacht. Ich versuch das im Schlaf zu verarbeiten und einzuordnen.
Wild.
Mein Herz schlägt bis zum Hals
Trau mich nicht in den Flieger
Mal Schatten an die Wand
Gazelle anstatt TigerKein Schmetterling im Bauch
Ich fühl mich ganz alleine
Einsam bin ich auch
Und keiner, der fragtWo gestern Wolken hingen und dichter Nebel war
Wird bald der Himmel frei sein, sonnig und blau und klar
Alles, was gestern schwer war, dunkel und ohne Sinn
Wird morgen schön und bunt seinAlles wird gut
Und dann tanz ich mit meinen Dämonen
Und dann trink ich ein Bier mit der Wut
Werd meine Ängste für alle Lektionen belohnen
Und am Ende wird alles wiederAlles wieder gut
Gut
Mein Leben voller Mut
MutKein Sommer weit und breit
Nur Federn im Getriebe
Warum ist keiner nett
Oh, ich bräuchte heut doch LiebeWo gestern Wolken hingen und dichter Nebel war
Wird bald der Himmel frei sein, sonnig und blau und klar
Alles, was gestern schwer war, dunkel und ohne Sinn
Wird morgen schön und bunt seinAlles wird gut
Und dann tanz ich mit meinen Dämonen
Und dann lieg ich am Strand mit der Wut
Und dann spring ich mit meinen Ängsten vom Zehner
Und am Ende wird alles wiederAlles wieder gut
Gut
Mein Leben voller Mut
Mut
Werd der beste Freund der Wut
Wut
Vor Regen auf der Hut sein
HutDann tanz ich mit meinen Dämonen
Wo vorher Nebel war
Am Ende meinen Dämonen
Meinen Dämonen, meinen DämonenDann tanz ich mit meinen Dämonen
Dann ist der Himmel klar
Am Ende meinen Dämonen
Meinen Dämonen, meinen Dämonen