Milan hat mal wieder ein Interview gegeben. Um sein Innenleben, sein Verhalten, seine Gedanken zu teilen. Mit allen, die schon immer wisse wollten wie ein Narzisst von innen tickt. Schuldumkehr, Lügen, Neid, Manipulieren. Abwertung und Aufwertung. Rache. Zerstörungsphantasien. Wie viel davon wirklich einfaches Beschreiben seiner Innenwelt ist und wie viel die klassischen Erklärungsmuster aus Büchern zum Thema, wird man nie erfahren. Auch er selbst nicht. Ich wage die Steile These, dass sein Worte andere wären, hätte er sich nicht selbst intensiv mit den theoretischen Grundlagen befasst.
Das mit dem Neid find ich immer wieder faszinierend. Das ist eins der Hauptmarker bei Narzissmus. Inkl. wenn ich das nicht haben kann, dann darfst du auch nicht. Bei Neid tue ich mich wirklich schwer dieses Gefühl bei mir zu finden. Obwohl mein estnisches Blut Neid lastig ist, sagt die KI.
In der estnischen Kultur ist Neid („kadedus“) ein tief verwurzeltes, vieldiskutiertes Phänomen, das sogar als eine Art humorvolles, aber reales nationales Klischee gilt.
Ein extrem bekannter estnischer Witz bringt die Mentalität auf den Punkt:
„Das Lieblingsgericht eines Esten ist ein anderer Este.“
Dies beschreibt die Neigung, den Erfolg von Landsleuten (insbesondere in kleinen Gemeinschaften) kritisch und argwöhnisch zu beobachten, anstatt sich für sie zu freuen. Ein weiteres bekanntes, sarkastisches Sprichwort lautet: „Ich brauche kein Glück, solange es meinem Nachbarn schlechter geht als mir.“
Kulturwissenschaftliche Beobachtungen zeigen, dass in Estland ein starker Hang zum sozialen Vergleich herrscht. Wenn zwei Esten aufeinandertreffen, taxieren sie sich oft unauffällig, um zu sehen, wer erfolgreicher, wohlhabender oder im Leben weiter vorangekommen ist. Daraus resultiert oft die Sorge, weniger vom Leben zu haben als Familie, Freunde oder Nachbarn
Das is so gar nicht meins. Da is was schief gelaufen. Muss ne Mutation sein.
Rache. Auch so ein Ding, dass ich jetzt nicht zu meinem täglich Brot zähle. Nicht, dass ich sie in meinem Leben nicht auch schon gespürt hätte. In so nem halben Jahrhundert darf man auch mal Rachegelüste verspüren. Bewusst erinnern kann ich mich nur an zwei Situationen. Und beide male im beruflichen Kontext. Und beide Male all war das Grund, dass alles gekillt wurde, was du Jahre davor hart erarbeitet hattest. Wobei ich mich nur einmal hab von ihr treiben lassen. So sehr, dass ich selbst kurz vorm abnippeln war. Da gings nicht nur um mich. Da gings um die ganze Firma. Ansonsten kann ich mich nicht mehr bewusst erinnern an Momente der Rachegelüste. Rache ausgelebt und zu Ende gebracht habe ich glaube nie. Nicht mein Spielfeld. Und irgendwie auch unter meiner Würde. Man begibt sich da auf eine Ebene, die man ja selbst eigentlich verachtet. Anderen Leid zufügen. Nicht dass ich das nicht verstehen könnte, dass es so Situationen gibt, wo man aus Schmerz getrieben, nur noch dafür sorgen will, dass der Täter selbst das Leid spürt anstelle davonzukommen. Aber dennoch man wird selbst zum Täter. Auch nicht gut.
Und nein ich bin falsch abgebogener Gutmensch, der alles weg lächelt. Ich kann auch wütend werden, fluchen, jemanden im Moment verfluchen. Meine Grenzen setzen und Konsequenzen ziehen. Aber diese „hohe Kunst“ des Vernichtungskrieges, die Bombe in der Haus des anderen werfen, das ist nix was ich mit mir rumtragen möchte.
Käätemarks – das estnische Wort für Rache.
Der Song „Kättemaks“ (Rache) von Curly Strings ist eine tiefschwarze, humorvolle Satire auf die Themen Untreue, Eifersucht und emotionale Vergeltung. Verpackt in eine fröhliche, schwungvolle Bluegrass-Melodie, bricht der Text radikal mit den typischen Klischees eines traurigen Liebeskummersongs.
Die Interpretation lässt sich in drei Kernelemente unterteilen:
1. Die Eskalation der Untreue (Die Strophen)
Der Song beginnt mit einer mathematischen und fast schon absurden Steigerung des Betrugs:
- Zuerst taucht eine „dritte Person“ zwischen dem Paar auf, dann eine „vierte“, eine „fünfte“ und schließlich eine „sechste“.
- Der betrogene Part (im Musikvideo und Gesang dargestellt von Eeva Talsi) spürt die Spuren dieser fremden Menschen überall an ihrem Partner – auf den Lippen, den Händen, in den Augen und in der Leidenschaft.
- Anstatt jedoch in Tränen auszubrechen oder eine typische Eifersuchtsszene zu machen, bleibt die Erzählerin kühl und registriert die Untreue fast schon protokollarisch.
Werfen wir das Original mal ein
2. Die radikale „Auge um Auge“-Vergeltung (Der Refrain)
Im Refrain wendet sich das Blatt komplett. Die Erzählerin tröstet den fremdgehenden Partner paradoxerweise mit den Worten: „Lieber Freund, senk deinen Blick nicht! Bei mir ist alles schon wieder gut.“
- Die „Rache“ (Kättemaks) ist extrem und kompromisslos: Sie geht in dasselbe Wirtshaus und schläft dort bis zum Morgen „mit jedem“ (im estnischen Original: „kõigiga seal magasin“), um das emotionale Konto auszugleichen.
- Die Zeile „Ich bin ein bisschen müde, aber sonst ist alles okay“ verleiht dem Song eine enorme Ironie. Die physische Erschöpfung der Racheaktion wird wie eine banale Alltagstätigkeit abgetan.
Cover gibs wie Sand am Meer. Nehmen wir mal die HipHop Variante
3. Das makabere „Happy End“
Der Song endet mit einer fast schon unheimlichen Harmonie. Da das Gleichgewicht der Untreue nun wiederhergestellt ist (beide haben das Vertrauen gleichermaßen gebrochen), schlägt sie vor: „Jetzt können wir wieder zu zweit weitermachen.“ Sie bringt dem Partner sogar spöttisch „viele Grüße“ von den Gästen aus dem Wirtshaus mit.
Jetzt die harte Musikvariante
Fazit & Wirkung
Die Faszination des Songs liegt im Kontrast zwischen Form und Inhalt:
- Die Musik: Fröhlicher, mitreißender Folk/Bluegrass mit einer treibenden Mandoline und Geige, der zum Tanzen und Mitsingen einlädt.
- Der Text: Ein zynisches Porträt einer toxischen Beziehung, in der Rache als legitimes Mittel zur Beziehungsrettung gefeiert wird.
Jaan Tätte (der Textdichter) nutzt hier die Hyperbel (Maßlose Übertreibung), um die Absurdität von verletztem Stolz und dem Zwang, es dem anderen heimzuzahlen, auf die Spitze zu treiben.
Und dann gibs die Variante von Kadri.
Die laut KI wieder ganz anders zu internieren ist
- Durch das langsame Tempo und den suchenden, melancholischen Jazz-Gesang wird jede Zahl zu einem neuen, schweren Schlag. Man spürt das lähmende Gefühl, wenn man feststellt, dass der Partner einen systematisch und wiederholt betrogen hat. Es ist kein Witz mehr, sondern ein emotionales Trauma.
- In Kadris intimem Gesang wirkt diese Zeile wie der verzweifelte Versuch einer tief verletzten Seele, ihre Würde zurückzugewinnen. Das Schlafen mit den Fremden im Wirtshaus wird nicht als „cooler Konter“ inszeniert, sondern als ein Akt der Selbstzerstörung aus purem emotionalem Chaos. Das „Mir geht es gut“ (Mul on kõik juba hästi) klingt hier wie eine bittere Lüge, die man sich selbst erzählt, um nicht zusammenzubrechen.
- Beide Partner haben sich gegenseitig so tief verletzt, dass die Beziehung zwar fortgesetzt wird, aber auf dem Fundament von gegenseitiger Zerstörung und emotionaler Kälte. Es beschreibt das Gefängnis einer toxischen Liebe, aus der keiner der beiden ausbrechen kann.
Kadri Voorand entkleidet den Song seiner folkloristischen Leichtigkeit. Sie zeigt, was hinter den Worten von Jaan Tätte steckt: Die Rache heilt den Schmerz nicht, sie macht die Protagonistin nur genauso schuldig und einsam wie den Betrüger.
Auge um Auge und Zahn um Zahn hat eben auch seine Preis. Genugtuung hat nur eine kurze Lebensdauer.
Und schon ist da die Scham. Die Angst vor sozialer Abwertung/ sozialen Konsequenzen. Das was der Narzisst versucht nur mit anderen zu machen. Weil er sich immer aufwerten muss. Und das mit allen Mitteln. Auch denen, die sozial unerwünscht sind. Lügen, Manipulieren und so weiter. Und tief in uns allen drin ist die Konsequenz gespeichert, die einen erwarten wenn das auffliegt. Sozialer Ausschluss. Jetzt mal ehrlich, da wäre ich auch dauergestresst. Also mal ehrlich, war da die tiefe existenzbedrohende Angst aufgrund der gefühlten Minderwertigkeit? Oder entstand die Angst erst, weil man sich ein Lügenkonstrukt gebaut hat? Narzissten haben Angst stehen und Dauerstress. Fragt sich nur warum.
Auch Milan behauptet, er nimmt Scham intensiver wahr. Untereinander können wir eh nie sagen, wer was intensiver wahrnimmt. Außer man packt uns in ne Scanner. Und das haben Forscher gemacht. Bei Narzissten blinkts mehr. Also geht man davon aus, dass sie wirklich intensiver diese Scham spüren. Aber es bleibt die Frage nach der Ursache. Ein so doller Schmerz, dass er existenzbedrohend wahrgenommen wird, is dann halt dich nur ne Ausrede existenzbedrohendes Verhalten gegenüber anderen. Ne ne sowas hat die Evolution nicht vorgesehen.
Aber sagen wir mal so. Am Anfang steht die Selbsterkenntnis. Weil wir jagen ja niemanden mehr als aus dem Dorf. Und wenn die Selbsterkenntnis zum Punkt kommt, dass man das alles nicht will, dann gibt es Mittel und Wege es zu verändern. Und Milan hat sich auf den Weg gegeben. Und wie er selbst feststellt, das Umfeld ist da schon recht wichtig. Freunde, die gelernt haben damit umzugehen. Und offen reden. Wünschen wir Milan Glück auf seinem Weg.
Nacht.