Tom macht aktuell mal wieder mehr in Borderline. Bespielt er ja parallel zu Autismus. Hat scheinbar zu viele Borderline-Beziehungen geführt.
Ich glaube ja, dass mehr oder weniger alles was wir als Störung etc. betrachten, uns nur auf eine extreme Art zeigt, wie unser Hirn funktioniert. Wenn irgendwie irgendwas nicht so funktioniert, so dass das Gesamtsystem im Einklang ist, dann treten Dinge nach außen, die uns sonst gar nicht auffallen, die wir nie sehen würden. Aber in uns allen drin sind. Nur halt leiser und unauffälliger.
Wir haben eh ein vollkommen verzerrtes Bild von uns Menschen. Egal, gehen wir mal seinen Punkte durch..
1. Angst durch Sicherheit
Verstehe nur Bahnhof. Irgendwie grob meint er glaube, dass man Angst hat, dass die Sicherheit/ der andere Mensch nicht dauerhaft bleibt und es nur Schein ist, was sich wie Sicherheit anfühlt. Diese Angst kommt dann auf, wenn sich sowas wie Sicherheit entwickelt, zeigt, versprochen wird. Is mir zu hoch. Wie da dieser Zusammenhang is, dass wenn Sicherheit wächst, automatisch ne Angst kommt. Dass es um Glaubssätze geht, negative alte Erfahrungen okay, verstehe ich. Dass man quasi kein Vertrauen haben kann. Aber warum das Angst auslöst. Stehe aufm Schlauch. Außer dass Angst ein zentrales Thema is und quasi überall reinspielt bei Borderline.
2. Toleranz für sich einfordern, aber wenig nachsichtig mit andern zu sein
Und da würde ich sagen, dass das kein spezifisches Borderline-Ding is. Sondern immer dann ins Spiel kommt, wenn Menschen sehr stark mit ich selbst beschäftigt sind. Man hat ausschließlich den Blick für sich selbst. Zum Beispiel nach Wertschätzung sucht, aber diese anderen nicht entgegenbringen kann, weil man die ganze Zeit damit befasst ist, die eigene nicht vorhandene Wertschätzung zu beleuchten. Wertschätzung suchen, sie aber selbst nicht geben zu können. Liebe zu suchen, aber selbst nicht geben zu können. Toleranz suchen, sie aber selbst nicht geben können.
Nimm mich so wie ich bin und pass dich an. Aber erwarte nicht, dass ich dich so nehme, wie du bist und mich anpasse. Das will ich nicht und werde ich nicht.
Wenn das Ich dem Wir im Wege steht.
Und vielleicht legt man die gleichen Ansprüche, die man an sich selbst hat an andere. Und weil man sich selbst dafür hasst, dass man sie nicht erfüllen kann, wertet man auch andere ab. Warum sollte man bei anderen ein Auge zudrücken, wenn man es bei sich selbst nicht tut? Oder wie heißt es im Volksmund so schön, wir mögen an anderen oft das nicht, was wir an uns selbst nicht mögen.
Kritikunfähigkeit kommt irgendwie immer dann ins Spiel, wenn einen zu viele Selbstzweifel plagen. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir sind abhängig auch von der Bewertung anderer. Da laufen Programme in uns ab, die haben wir noch nicht 100% verstanden. Da gibts ja Erklärungsversuche – Sozialpsychologie – Theorie der sozialen Identität. Und da spielt auch Scham und Angst eine Rolle. Wenn mein Rudel mich nicht mag is halt echt doof. Und kann im Tod enden. Wir versuchen das zu vermeiden. Und das macht man eben nicht nur durch bewusste rationale abgewogene Gedanken. Wir tragen Alarmsysteme in uns und die bespielen auch Biochemie. Und so weiter. Und schon bis du wieder bei Emotionsregulierung. Emotionen wollen dir was sagen. Sie zu kontrollieren und nicht außer Kontrolle geraten zu lassen, ist halt auch nicht so einfach. Wenn sich das nicht entwickelt hat. Aus welchen Gründen auch immer.
Seit ich mich mit FASD befasst habe, nehme ich das gern als Referenz dafür, dass es eben nicht alles nur Kindheitserfahrungen sind, die zu Kritikunfähigkeit führen, sondern eben auch Schäden wie eben durch Alkoholeinfluss, die bestimmte Hirnregionen halt mit weniger Zellen ausgestattet habe. Und diese eben nicht so Leistungsfähig sind. Eben gerade alles was so im neueren Teil unseres Hirns abgeht. Der alte Teil, den man bei vielen Lebewesen findet, der all die Automatismen mit Emotionen etc steuer, der scheint robuster zu sein. Was auch wieder logisch erscheint. Das Überleben kann nicht davon abhängen, ob Mama dich jetzt oft genug knuddelt oder lobt oder du mal 3 Wochen nicht genug Nahrung bekommst als Baby. Das Leben in freier Wildbahn war rau. Und auch geprägt von Tod, Hunger etc.
Aber all das was dann oben drauf kam und sich erst in den letzten Jahrtausenden entwickelt hat. Was auch Emotionsregulierung betrifft. Die anders laufen muss als in der Sippe der Urmenschen. Viel komplexer geworden ist. Die soziale Interaktion, die komplexer geworden ist, das ganze tägliche Leben das komplexer geworden ist. Das Planen, das Steuern, das in die Zukunft denken, das strategische Denken und so weiter. Das ist anfälliger in der Entwicklung.
Und ja auch für FASDler gilt, sie haben Probleme mit dem Umgang mit Kritik. Und eben mit Emotionsregulierung. Ob das dann auch so weit geht, dass sie kleinste Fehler der anderen auch nicht wohlwollend begegnen, ist jetzt nicht so leicht rauszulesen. Aber sie zeigen uns auf alle Fälle, dass Kritikunfähigkeit nicht nur damit zusammenhängt, wie dein Elternhaus so drauf war. Viele wurden in Pflegefamilien liebevoll großgezogen. Aber wenn dein Hirn nicht so tickt, wie es sollte. Puffer nicht funktionieeren, Kritik nicht richtig interpretiert werden kann etc, dann bleibt es eben dem alten Teil des Hirns überlassen das zu interpretieren und dann is dass „lebensbedrohlich“.
Ich verstehe Toms Ausführungen, dass diese Kritikunfähigkeit auch einen erlernen Anteil hat. Wenn man es seine Eltern nie recht machen könnte. Immer Kritisiert wurde. Wenn die Liebe der Eltern vielleicht auch nicht stabil war. Und Kritik quasi Liebesentzug war. Oder du es zumindest so empfunden hast. Aber ich glaube, dass das nur ein Baustein von mehreren ist. Kritikunfähigkeit findest du auch bei Narzissten, Cholerikern. Und auch bei Menschen, die als Kind mit Samthandschuhen angefasst wurden. Umgang mit Kritik muss man auch lernen.
Und auch für diese Nicht-Borderliner gilt, dass sie meist eben genauso wenig Verständnis für Fehler anderer haben. Und andere scharf kritisieren. Um sie im Zweifel abzuwerten.
Klar, wenn ich in einem Haushalt groß werde, in dem immer über andere hergezogen wird. Wo es niemand recht machen kann, dann halte ich das für normales Verhalten und mache das später dann auch. Aber ich glaube das da mehr dahinter steckt. Zumal es ja auch oft so ist, dass die zum Beispiel nach Anerkennung und Wertschätzung suchen, es selbst anderen recht wenig entgegenbringen. Ich glaube immer noch, dass es vor allem auch daran liegt, dass man dann meist zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Zu sehr um andere überhaupt sehen zu können.
Ich glaube, dass niemand Kritik freudestrahlend aufnimmt. Dass da auch immer Emotionen in Spiel sind, die sich erstmal nicht gut anfühlen. Nur haben die meisten von uns gelernt, damit umzugehen. Ne Nacht drüber zu schlafen. Zu bewerten, wer dich kritisiert hat und ob die Kritik ein guter Rat war, ob die Kritik ein Versuch versuch war zu vermitteln, einen Kompromiss zu finden. Und so weiter.
Ob es den einen Grund gibt, warum Borderliner das nicht einfach so können, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Emotionen stärker gefühlt werden oder weniger abgepuffert werden können, so dass du gar nicht zu konstruktiven Gedanken kommen kannst. Weil du gefangen bist in Biochemie. Und ja es gibt Hilfemitteln wie eben Achtsamkeit und Beobachter Rolle, aber es wird wohl meist immer eine Herausforderung sein.
3. Nähe wollen, aber nicht ertragen
Unabhängig von Toms Ausführungen. Wir Menschen sind eh immer im Kampf zwischen Autonomie und Gruppe/ Bindung. Und auch da schlagen dann wieder tiefe Mechanismen und Biochemie zu. Mal von Gedanken ganz zu schweigen. Aber ich glaube am Ende verstärken die eh nur das was unbewusst aufgrund unseres Bauplans abläuft. Wenn wir jetzt mal Borderline runterbrechen auf ein Problem mit Emotionsregulation inkl. ständige Angst , dann macht das Sinn mit Nähe wollen, aber dann doch nicht ertragen können.
Nähe/ Bindung heißt halt auch ein Stück Freiheit aufzugeben, Autonomie aufzugeben. Bindung ist auch Verpflichtung. Wir Menschen hassen es, Freiheiten aufzugeben. Wen uns jemand sagt, wir dürfen kein Fleisch mehr essen, werden wir das Gegenteil tun. Reaktanz und Co lassen grüßen.
Und genauso ist es tief in uns drin, dass wir keine Einsiedlerkrebse sind und andere / enge Beziehungen brauchen, um unser Überleben zu sichern. Jenseits der Mutter-Kind Bindung. Is vielleicht eh eine von diesen Banane-Theorien, dass wenn was in der Kindheit schief gelaufen ist, wir dann in dieser festhängen. Weil man ja nur als Kind hilflos ist alleine. Ne ne neee der Urmensch war Zeit seine Lebens hilflos alleine. Und eine gute Mahlzeit für andere Lebewesen. Die Biochemie dreht dann frei, wenn wir getrennt sind von der Gruppe/ dem Partner. Trauer, Liebeskummer, Heimweh etc.
Dieses Märchen vom Wunsch nach Symbiose halte ich eh immer für ne Verschwörungstheorie. Ich glaube nicht, dass Borderliner nach Symbiose streben. Und irgendwie mit jemand anderen verschmelzen wollen. Abgesehen davon, dass Symbiose was anderes ist als Unselbständigkeit. Vielleicht hat jemand mal so ein pathetische Bild gemalt, im Rausch von Hormonen, aber mehr auch nicht.
Laut KI ist eine symbiotische Beziehung im Borderline-Kontext eine enge intensive Beziehung in der die Bedürfnisse des andern übernommen werden und nicht mehr unterschieden werden kann zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen des Partners. Bringt mich zum Punkt, dass wir soziale Wesen sind und auch immer durch andere beeinflusst werden. Auch unsere Wünsche und Bedürfnisse. Wir übernehmen so viel unbewusst. Was wenn bei Boderlinern eben genau diese Mechanismen viel stärker zum tragen kommen. Unbewusst. Weil es nicht ausbalanciert wird.
Ich denke noch.
Und was wenn Überforderung und die damit verbundenen unschöne Gefühle nicht ausgehalten werden können. Und man deshalb den anderen mehr braucht, um sein Leben zu meistern?
Bei vielen Themen im Borderline Kontext ist die Frage, wie das wirklich mit der Intensität der Gefühle ist. Und das ist etwas was wir heute nicht messen können. Nicht wie nen Blutdruck, den Puls oder den Zuckerwert. Vielleicht wird man das auch nie erfahren. Der Boderliner weiß nicht, wie jemand anderes die Gefühle wahrnimmt und umgedreht. Wir können nicht vergleichen. Und damit wird es schwerer mit „Kann man aushalten“, „Kann man lernen“. Andererseits wissen wir auch, dass man oft Training braucht. Dass die Intensität von Gefühlen wie z.B. Ängsten nachlässt, wenn man sich ihnen immer und immer wieder stellt. Schwierig.
4. Inkonsistentes Verhalten gegenüber anderen
Schwarz-Weiß Denken.
Komplett konsistentes Verhalten und Gefühle gegenüber einer anderen Person gibt es nicht. Da waren wir schon mal. Wir haben im Normalfall nur gelernt damit umzugehen bzw. Puffer dazwischen. Wir wissen, dass gestern nicht heute ist und heute nicht morgen. Dass auch sich mal doof finden, auch dazugehört. Und es im Zweifel auf die Summe ankommt über einen längeren Zeitraum. Dass man eben nicht den Job oder die Beziehung hinwirft, weil es sich an einem Tag mal so anfühlt, als wäre das die Lösung.
Der Boderliner kann das aber dann halt machen. Er denkt nicht daran, dass wie es gestern war und dass es morgen wieder anders sein kann. Tom meint, man hat das Bedürfnis andere schlecht zu sehen. Weiß nicht. Fehlt mir die Erfahrung. Klingt komisch. In der Allgemeingültigkeit. Vielmehr vielleicht wieder ein Problem der Emotionsregulierung, siehe auch Kritikunfähigkeit.
Vielleicht ist diese Spaltungstheorie auch nur ne falsche Sicht darauf, dass man gefesselt von Emotionen mit wenig kognitiver Regulierung heute, hier und jetzt bestimmte Gefühle verspürt. Und eben nicht an gestern und auch nicht an morgen denken kann. Und eben auch keinen Zugriff darauf hat, dass es morgen eben auch wieder genau anders rum sein kann und du heute etwas kaputt machst, dass du dann bereust. Weil irgendwie eint dann doch viele, dass Gefühl oft Dinge kaputt gemacht zu haben.
Und dass man sich dann emotional getroffene Entscheidungen gedanklich zurecht biegt, is keine neue Erkenntnis und auch nicht Borderline spezifisch. Manchmal hilfts, dass man die Entscheidung nicht bereut. Aber eben nicht immer. Dann kommt der Kater.
Und wenn wir uns alle an unsere Kindheit zurückerinnern. Es ist gar nicht schwer jemanden heute 100% zu mögen und morgen 100% doof zu finden. Nur hat man da meist einfacher wieder zueinander gefunden. Das ist halt im Erwachsenenalter schwieriger. Weil da Verlässlichkeit und Stabilität eine Rolle spielen. Weil es nicht mehr nur ums heute geht wie in Kindertagen, sondern auch viel ums morgen.
Und damit will ich nicht sagen, dass Borderliner große Kindern sind. Sondern, dass es vielleicht irgendwas wieder gibt, was uns das regulieren lässt, dass wir uns eben nicht wie in Kindertagen dauernd die Freundschaft kündigen, um dann doch wieder zusammenzufinden (Anmerkung, ich hab da immer unsere Sitzkonstalltion im Kopf. Wir waren Buskinder und durften vor Unterrichtsbeginn schon in die Schule. Und wer mit wem dann am Tisch saß, war abhängig davon, wer sich grad mit wem verkracht hatte oder wieder vertragen). Wenn dann aber diese regulierende Instanz nicht greift, aus welchen Gründen auch immer, dann gibts das Desaster.
5. Hochfunktionale Borderliner/ stille Borderliner sind nicht hochfunktional
Ja das Thema Borderline iss komplex und ich wage die steile These, dass da wieder zu viele Menschen in eine Topf geworfen werden, vieles bezüglich menschlicher Funktionsweise noch nicht verstanden wurde und daher das alles so komplex erscheint. Aber das is ein anderes Thema. Kann Tom nix für. Der versucht auch nur zu verstehen/ erklären.
Man baut nach außen ne Fassade auf, ist leistungsstark etc, aber daheim bricht alles zusammen. Achtung steile These: Is kein Privileg von Borderlinern.
Versehe da seine Ausführungen nur bedingt und noch weniger was da ein Paradox sein soll. Dass es ungesund ist, sich aus welchen Gründe auch immer aufzuarbeiten, okay. Aber wie gesagt, dass ist kein „Privileg“ von Borderline. Status, Anerkennung, Mitspielen etc. gehört auch zu uns Menschen.
Alles in allem ist wie bei den meisten „Störungen“ vieles nur schwer nachvollziehbar. Da Mensch sein für uns eigentlich eine Black Box ist. Und alles außer unserem eigenen Hirn noch viel mehr. Und daher könne wir oft auch nur sehr schwer damit umgehen, wenn Menschen anders funktionieren. Es entzieht sich den Regeln, es entzieht sich unserem Verständnis.
Wie damit umgehen ist immer eine Frage des Willens. Den aber nicht nur eine Seite aufbringen muss. Das funktioniert dann eben nicht. Wie bei so vielen Dingen.
Ich glaube, dass es nicht nur für den 0815 Durchschnittsmenschen gilt, dass das Verständnis von grundlegenden Mechanismen in uns, helfen kann zu verstehen. Sich selbst und anderen. Auch wenn der eigene Bauplan vielleicht anders funktioniert. Egal ob es ein Materialfehler ist, der Architekt Mist gebaut hat oder der Bauarbeiter zu viel Bier intus hatte.
Verdammt. Das mit den Schienbeinen hatte ich hier geschrieben? Verdammt. Nein. Vertrautheit entsteht nicht, weil man „gleich ist“. Gleich fühlt, gleiche Interessen hat. Aber das hilft und das weißt du Silva. Da gib auch Wissenschaft zu. Hast schon angefangen zu tippen. Vielleicht dann demnächst weiter tippen. Wenns wieder regnet. Also im Dezember.
Verdammt.