Entstigmatisierung

Kommen wir noch mal zurück zu Tom. KSK Veteran mit PTBS und noch anderem Mist. Der offen sprich über seine Erkrankungen auch als Teil seiner Therapie und um anderen Mut zu machen. Bei dem Podcast, in dem er vor einem Jahr war, wurde auch über das Thema Suizidgedanken gesprochen. Bei „starken“ Männern. Und der Problematik, dass Männern zu oft dann doch den Freitod wählen anstelle sich Hilfe zu suchen.

Konkret sagt Tom

Auch ich habe vorgehabt, meinem Leben unmittelbar jetzt ein Ende zu setzen. Die Momente habe ich auch durch. Also ich weiß, wie man sich da fühlt oder was in einem vorgeht. Welche Gedanken kreisen. Ich habe das nie jemandem erzählt, ich habe auch nie einen halbherzigen Versuch gestartet, um Hilfe zu rufen. Sondern ich habe diese Gedanken gehabt und trotz allem habe ich das überlebt. Und kann immer nur wieder sagen an Menschen, die egal aus welchen Gründen in so eine Situation reinkommen. Die helfende Hand, die dir gereicht gereicht wird, die musst du selber anfassen. Das ist deine aktive Arbeit dahinter. Hilfe annehmen ist keine Schande auf gar keinen Fall. Und es ist auch nicht schändlich zu sagen, dass es einem Scheiße geht. Ich glaube wir Männer haben generell ein riesen Problem, über tatsächlich Dinge zu reden die uns beschäftigen.

LRM PODCAST E14 – Nicht nach Plan – KSK Veteran Tom

Mit dem letzten Satz könnte er in jeder Frauenzeitschrift landen, aber unabhängig von „Männer sollten mehr über ihre Gefühle reden“ ist bekannt, dass Männer häufiger den Freitod wählen anstelle Hilfe zu suchen. Und irgendwie scheitern wir immer noch daran. Auch wenn aktuell z.B. die sehr weich ist und Männer auch weinen dürfen etc. Aber das hat zum Teil wieder diese Extreme, so dass ich heute kein junger Kerl sein wollen würde. Wie soll man da seine Rolle/ sein Bild finden? Irgendwas dazwischen wäre hilfreich. Dass man weiterhin ein harter Kerl sein kann, ein Anführer. Aber wenns dann mal zu so einer problematischen Situation kommt, aus welchen Gründen auch immer, auch mal sagen können „okay jetzt brauche ich einen Harten Kerl, einen Anführer der mich hier rausholt. Ich revanchiere mich auch“.

„Darf Dich fragen, was am Ende das Zünglein an der Waage ist, dass du dich Gott sei Dank dagegen entscheidest?“

„Das ist tatsächlich das hohe Verantwortungsgefühl meiner Frau und meinen Kindern gegenüber“

LRM PODCAST E14 – Nicht nach Plan – KSK Veteran Tom

Vielleicht kann Liebe dann doch retten/ heilen. Wobei ich jetzt nicht ausdiskutieren will, ob Verantwortungsgefühl Liebe ist. Wobei ich das nicht per se ausschließen will. Liebe ist auch die Sorge um den anderen/ die anderen, die man liebt. Und aus so einer Soldatenmentalität heraus, trifft es wahrscheinlich das Wort „Verantwortungsgefühl“.

„Es gibt ein Klientel an Männern da draußen, das sind richtig gute Kerle. Die sind in der Gesellschaft wichtig. Die haben psychische Probleme und trauen sich das (drüber reden) nicht, weil sie dann Schwächen zugeben müssen. Und dann irgendwann greifen sie zum Äußersten Mittel, An dem Punkt stand ich auch und ich habe das gepackt mit Therapie und mit Familie und mit Freunden. Und das ist ja ein harter Weg und der lohnt sich für die Familie. Der der weg ist, der trauert ja nicht. Der ist weg. Sondern die, die zurückbleiben. Keanu Reeves (bekennt sich zu seine Depressionen) hat gesagt, auf die Frage was der Tod bedeutet glaube ich, er weiß, dass diejenigen, die uns lieben, dass die uns vermissen werden. Und für die ist es schlimm.“

LRM PODCAST E14 – Nicht nach Plan – KSK Veteran Tom

Schwäche zugeben können ist sicher ein wichtiger Punkt. Aber sollten nicht gerade Soldaten, Feuerwehrleute, Polizisten auch Verständnis dafür haben, dass es um eine Gesellschaft als ganzes geht? Für die sie ja täglich im Einsatz sind. Und das es eben Momente gegen kann, wo die Rollen sich drehen. Und dann andere für sie da sein dürfen, damit das große ganze wieder funktioniert.

Wobei es wohl auch noch um mehr geht. Und das gilt wahrscheinlich nicht nur für Soldaten. Es geht auch um Vorurteile und Stigmata. Und auch die angst vor Nachteilen. .auch finanziellen Nachteilen.

Nach einem Einsatz im Jahr 2012 zog er sich zurück, sonderte sich ab von seiner Familie, trank, war zunehmend gereizt, litt unter Schlafstörungen. Lange vertraute er niemandem an, dass ihn Bilder und Erinnerungen heimsuchten. Heute sagt er, er habe seinen wahren Zustand verheimlicht. Einerseits, weil er es sich selbst nicht eingestehen wollte. Andererseits, weil er Angst vor Nachteilen hatte – etwa, nicht mehr in seinen Fachverwendungen eingesetzt zu werden. Bis 2021 blieb das so. Mit dem Abzug und der Evakuierungsmission im August vor drei Jahren änderte sich alles für ihn.

Mike kritisiert auch, dass die sogenannte „sekundäre Traumatisierung“ der Familienangehörigen nur stiefmütterlich von Seiten der Bundeswehr angegangen werde. Auch seine Familie erlebte die Einsätze von zu Hause aus. Musste alles allein managen und in Sorge um ihn leben. Mike ist nicht allein in dieser Situation, wie Gespräche mit mehreren Einsatzveteranen zeigen.

Mike will nach Möglichkeit einen Schlussstrich ziehen: die Bundeswehr verlassen. Allerdings ohne dabei finanzielle Nachteile in Kauf nehmen zu müssen, wie sie mit einem vorzeitigen Dienstzeitende und seiner derzeitigen Entschädigungs-Einstufung einhergehen würden. Denn er müsste auf bis zu 1.800 Euro netto pro Monat verzichten, rechnet er vor.

Traumatisierte Bundeswehr-Soldaten: Wie geht es ihnen heute?

Ich hab mal die Ki gefragt, ob der was findet, ob das immer noch so ist mit den Stigmata und den Ängsten.

Aktueller Stand in Deutschland (Bundeswehr & Veteranen, Stand 2025/2026)Die Bundeswehr selbst nennt Stigmatisierung in ihren offiziellen Texten (2024/2025) immer wieder als zentrales Hindernis:

  • Hilfesuchverhalten der Betroffenen hängt stark vom Grad der Stigmatisierung ab (sowohl selbst als auch im Umfeld)
  • Es gibt kontinuierliche Aufklärung, Kampagnen und niedrigschwellige Angebote (z. B. Hotline), genau um der Stigmatisierung entgegenzuwirken
  • Das Psychotraumazentrum der Bundeswehr (Leitung u. a. Oberstarzt Peter Zimmermann, PTBS-Beauftragter seit 2024) betont in Interviews und Publikationen, dass Soldaten mit psychischen Erkrankungen noch immer Stigmatisierung befürchten, wenn sie sich offenbaren

Medienberichte & Betroffenenstimmen 2025 (z. B. tagesschau, NDR Panorama, MDR, FAZ):

  • Viele traumatisierte Veteranen kämpfen jahrelang um Anerkennung → das verstärkt das Gefühl von Stigma & Unglaube
  • Hohe Dunkelziffer: Nur ein Bruchteil der geschätzten PTBS-Fälle (Bundeswehr schätzt ~3 %, unabhängige Studien bis ~20 %) wird diagnostiziert/behandelt
  • Betroffene berichten von Angst vor beruflichen Nachteilen, Ausgrenzung in der Truppe und dem Image „nicht belastbar“ oder „schwach“
  • Der „lange Weg“ gegen Stigmatisierung wird explizit erwähnt – Fortschritte ja, aber das Problem ist nicht gelöst

Wissenschaftlich:

  • Neuere Dissertationen & Evaluationsstudien (z. B. Refubium FU Berlin, laufende Arbeiten am Psychotraumazentrum) berücksichtigen Stigma indirekt als Faktor für verzögerte Hilfeinanspruchnahme und Restsymptomatik
  • Direkte „Stigma-Studien“ à la 2010er-Jahre (z. B. mit quantitativen Skalen bei Bundeswehrsoldaten) sind seit ca. 2020 seltener publiziert worden

International (v. a. USA, 2023–2025)Hier ist die Forschung aktiver & expliziter zum Stigma-Thema:

  • 2024/2025 Publikationen in Journal of Veterans Studies betonen: Self-Stigma, public stigma und help-seeking stigma bleiben große Barrieren → besonders bei der Transition in Zivilleben
  • Trauma-related guilt + self-stigma beeinflussen Behandlungssuche stark (Studien 2025)
  • Multimodale Interventionen gegen Stigma werden gefordert (z. B. peer-based, digital, hybrid)
  • Viele Veteranen vermeiden Behandlung, um nicht als „crazy“, „dangerous“ oder „weak“ zu gelten – Muster sehr ähnlich wie in Deutschland

Kurzes Fazit (Stand Januar 2026)
Ja – Stigma bei PTBS/Veteranen ist weiterhin Gegenstand aktueller Forschung und Diskussion, auch wenn es in Deutschland 2024–2025 weniger neue „große Studien“ gibt als früher. Stattdessen dominiert der Tenor: „Wir haben viel verbessert (Versorgung, Kampagnen, Anerkennung), aber die Stigmatisierung existiert nach wie vor – vor allem in der Truppe, bei Vorgesetzten/Kameraden und bei der Anerkennung von Spätfolgen. Sie ist einer der Hauptgründe für die hohe Dunkelziffer.“Das passt leider sehr gut zu deiner ursprünglichen Aussage: Viel hat sich geändert – aber das Kernproblem Stigma („verweichlicht“, „Drückeberger“, „nicht mehr voll einsatzfähig“) hält sich hartnäckig.

Grok

Man könnte das ganze jetzt noch mit der Dunkelzifferstudie schmücken, die auch Stigmatisierung als wichtigen Punkt anführt, warum Soldaten bei psychischen Problemen lieber schweigen. Was aber bedeutet, dass laut Studie 20% der Soldaten mit einer manifesten, aber zumeist nicht erkannten psychischen Störung in den Einsatz gehen. Wobei mich immer noch interessiert, wie sie das im Nachhinein feststellen wollen. Aber egal.

Die Lösung kann jedenfalls nicht sein, dass wir Menschen aufgeben. Egal warum sie sich Probleme eingefangen haben. Und wie anstrengend es für die „gesunden“ ist. Diese Stigmata abzubauen ist so fucking schwer. Vor allem in der heutigen Gesellschaft, die sich nicht Stück für Stück vorranrobbt, sondern in Extreme verfällt und dann wieder so viel kaputt macht. Die gesunde Mitte fehlt. Bleiben wir beim Narzissmus, der ja so in aller Munde ist. Einerseits wollen wir Verständnis für psychologische Phänomene schaffen, andererseits knuppeln wir auf sie ein und treiben sie auf Youtube zum Teil wie die neuen Zirkustiere durch die Manage, die man öffentlich beschimpfen darf. Oder Autismus/ ADHS, wo dann mal gleich verlangt wird dass die gesamte Gesellschaft sich den Betroffenen – egal wie schwer – anpasst, aber sie bitte gar nicht. Wobei ich nicht alle in den Topf werfen will.

Und genauso wird auf Twitter eine starke Bundeswehr und sonst was gefordert, aber keiner beschäftigt sich mit den negativen Auswirkungen. Hauptsache wir haben KI und fliegen zum Mars. Wobei ich die KI als verbessertes Google zu schätzen lerne. Auch wenn man immer bedenken muss, die auch nur im WWW fischt und ganz viel Wahrscheinlichkeitsrechnung macht. Und so weiter. Aber besser als der Großteil der selbsternannten Erklärbären.

Wir haben immer noch Winter und immer noch Notarzteinsätze an den Bahnstrecken.

„Mach dir keine Sorgen!“ Warum nicht? Sag mir warum nicht?

Das Musikfernsehen hat mir Florian in die TL gespielt. Ich bin jetzt nicht der größte Fan von Florian, obwohl er beim Rewe einkaufen geht. Aber sein Liedchen ist hier sehr passend. Auch wenn es glaube „nur“ das Thema Männer und Depressionen bespielt. Auch aber das ist Bestandteil der Destigmatisierung. Und gehört auch zu PTBS.

Nacht

Du bist nicht allein, da sind Tausende mehr
Wir liegen nachts wach, unsre Köpfe sind schwer
Das ist nicht für immer, das ist nur temporär
Du bist nicht allein, da sind Tausende mehr

Das Mutigste, was ich je tat
War nach Hilfe zu fragen
Der Weg dahin war so hart
Hatte Steine im Magen

Hatte Angst, nach draußen zu geh’n
Dass alle seh’n, wie traurig ich bin
„Ich schaff das allein“, war mein Mantra
Doch das hier war irgendwie anders

Dachte, nur mir geht’s so
Ich wär ein Einzelfall
Doch die verlor’nen Seel’n
Sind überall

Du bist nicht allein, da sind Tausende mehr
Wir liegen nachts wach, unsre Köpfe sind schwer
Das ist nicht für immer, das ist nur temporär
Du bist nicht allein, da sind Tausende mehr

Ey, schütt mir dein Herz aus
Schon sind wir zu zweit
Das‘ der Weg hier raus
Aus der Einsamkeit

Hab viele Bücher gelesen
Und nach ’ner Antwort gesucht
Aber zu viele schweigen
Immer noch ein Tabu

Du glaubst, nur dir geht’s so
Du wärst ’n Einzelfall
Doch die verlor’nen Seel’n
Sind überall

Du bist nicht allein, da sind Tausende mehr
Wir liegen nachts wach, unsre Köpfe sind schwer
Das ist nicht für immer, das ist nur temporär
Du bist nicht allein, da sind Tausende mehr

Du bist nicht allein, da sind Tausende mehr
Wir liegen nachts wach, unsre Köpfe sind schwer
Das ist nicht für immer, das ist nur temporär
Du bist nicht allein, da sind Tausende mehr

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