Ich frage mich ja nicht erst seit gestern, warum ich oft bei Menschen hängen bleibe, die anders sind. Um es mal allgemein auszudrücken. Sagen wir mal emotional herausfordernd. Die gängigen Erklärungsmodelle haben immer nicht gepasst. Helfersyndrom, Co-Abhängigkeit, Narzissmus, Borderline, what ever. Aber heute früh hats klick gemacht.
Dieser eine Psychotherapeut, nennen wir ihn Philipp der Dritte, den ich mittlerweile auch schon wieder zur Seite gepackt habe, erklärt in einem seiner Videos schädliche Beziehungsdynamiken. Und bei Helfersyndrom/ Co-Abhängigkeit sagt er, dass das auch – wie sollte es anders sein – aus der Kindheit kommt. Und man als Kind in die Rolle eines Elternteils geschlüpft ist, um ein Elternteil zu unterstützen. Schlagwort Parentifizierung.
Und dabei zählt er ein paar Dinge auf, was darunter fällt. Unter anderem auch Therapeut für die Eltern sein. So jetzt lassen wir mal die Kirche im Dorf und nein, ich hab immer noch kein Helfersyndrom und auch kein Trauma und muss niemanden betütteln und so, aber …
Ich bin ja bei meiner alleinerziehenden Mutter und meiner Oma in einem Haushalt groß geworden. Meine Oma war unheilbar an Krebs erkrankt als ich 12 war. Dadurch hat sich dann einiges geändert. Allein schon, was die Diagnose mit meiner Mutter gemacht hat, die sie dann auch zu Hause pflegte bis zur letzten Stunde. Sie ist dabei an ihre Grenzen und drüber gegangen. Hat oft geweint und ich sie getröstet. Sie hatte die Schmerztabellen auf ihrem Nachtschrank und ich hatte Angst, dass sie sei selbst nimmt. Der Todestag meiner Oma war auch hart für mich und die Zeit an sich hat sich auch hart eingebrannt. Aber ein Trauma war das an sich nicht.
Aber ab dem Moment war eh alles anders. Du ist am Ende die einzige enge Bezugsperson. Alles belastende wird dann auch mit dir geteilt. Und grundsätzlich auch Entscheidungen. Aber vor allem auch das emotionale, wie Jahre später auch der Erbschaftsstreit. Meine Mutter war zwar nach außen die knallharte Lehrerin ist aber innen sehr weich und auch ängstlich. Dinge die ich auch geerbt habe. Oder wie der Schularzt sagte „leicht erregbar“.
Ich bin nicht der Typ, der Behördengänge übernimmt, das organisatorische. Oder versorgt, kocht und so weiter. Aber ich glaube, was mich da geprägt hat, ist Menschen zuzuhören, denen es grade nicht gut geht. Kraft zu geben. Das passt dann mit meinem eher introvertierten analytischen Ich durchaus gut zusammen.
Was damals in meiner Kindheit/ Jugend schon auf der Strecke blieb, war ich. Das emotionale. Meine Probleme, Sorgen etc. Wir haben nie drüber gesprochen. Ich weiß gar nicht, ob ich je gefragt wurde. Geweint habe ich meist heimlich. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich keine Zugang zu meine Gefühlen habe und diese durch Parentifizierung unterdrückt wurde blubbel. Es ist halt nur immer irgendwie untergegangen und an mir hängen geblieben. Und später ist das ganze dann dem „ich weiß alles besser“ zum Opfer gefallen anstelle echter Empathie. Oder woran ich jetzt echt knabbere dem „mein Leid ist viel schlimmer als deins“, „und überhaupt du bisst ja x, y, z, dass kann gar nicht so sein wie du sagst“.
Das is schon hart. Es ist ja nicht so, dass am Zuhören mein Selbstwert hängt. Und ja ich steh auf dieses „Behandele andere Menschen so, wie auch du behandelt werden willst“. Das is doch auch das was in uns einprogrammiert ist. Dieses Zurückgeben. Es geht nicht darum jeden Tag nen Mülleimer für seelischen Ballast zu haben. Aber es gibt Situationen im Leben, da bräuchte man auch mal etwas Wärme, Verständnis und Zuspruch.
Apropos Selbstwert. Ein Paradox des Lebens ist, dass die so sehr darum kämpfen, wertgeschätzt zu werden, sich oft schwer tun, genau das anderen gegenüber zu tun.
Ich muss jetzt mal langsam die Scherben meines Lebens zusammenkehren. Und dann schauen, wie ich dem Ende entgegen gehe. Weil ja scheiße so is das nun mal. Mit 50 is das Leben quasi vorbei. Da kommt jetzt Zwischenmenschlich etc. nicht mehr viel. Die Züge sind abgefahren und ich steh noch am Bahnhof rum. Da kommt aber kein Zug mehr.
Ich muss mich sortieren. Auch wie ich mir meinen Lebensabend gestalten will. Die Auto Abmelderei ist nur ein Symbol dafür, dass es um Entscheidungen geht. Verträge. Das Leben managen. Allein. Was bedeutet was.
Volker hatte mit dem Alte Herren Podcast letztens Recht. Du wirst älter und plötzlich merkst du „huuuch“. Fenster schließen sich. Und du findest dich in einer Situation wieder, wo du nicht sagen kannst, du fängst morgen noch mal von vorn an. Wir müssen den Scheiß annehmen wie er is. Uns erinnern, was wir alles können. Was wir schon geschafft haben. Was wir auch mal gemacht haben. Allein. Und ohne mir vorher Mut anzusaufen.
Ich glaube nicht, dass ich hier weg will, wenn der Tag kommt an dem ich die One-Man-Familie sein werde. Der Tag lässt sich nicht vermeiden. Da bin ich machtlos. Aber irgendwas soziales werde ich brauchen. Nun ja. Immerhin weiß ich jetzt, warum ich bestimmte Menschen „anziehe“. Ich habe nicht vor Empathie in die Tonne zu kloppen. Und man soll ja nie nie sagen.
Nacht